10.03.2020

Vintage-Skifahren, Teil 43: Jeizinen-Feselalp

Mit Jeizinen verbinden mich zwiespältige Gefühle. Einerseits erlebte ich dort vor fünf Jahren den ersten Skitag, an dem ich zumindest teilweise komplett alleine unterwegs war.

Andererseits kam hier oben vor 16 Jahren ein Studienkollege in einer Lawine ums Leben. Letzteres wirkt natürlich stärker nach – und trotzdem (oder gerade weil L. es hier wohl auch mochte, weil Jeizinen so klein und abgeschieden ist) will ich von diesem Ort berichten, der das Leben so vieler meiner Freundinnen und Freunde im Januar 2004 nachhaltig durcheinander gewirbelt hat.

Diese Reportage ist nicht aktuell. Die Bilder und das Video stammen von vor auf den Tag genau einem halben Jahrzehnt – wie die Webcams zeigen, sieht es da oben aber immer noch gleich aus, und das ist gut so. Auch damals war’s die letzte Saisonwoche – darum eilt dieser Beitrag: Am Sonntag, 15. März 2020, schliesst das Skigebiet gemäss der Website für diese Saison seine Anlagen.

Zumal der Wallis-Wetterbericht für Mittwoch und Donnerstag dieser zweiten Märzwoche 2020 sehr gut aussieht, kann ich also nur ins Land rufen: Frei nehmen, Corona vergessen, ab auf die Feselalpe! Die Chancen sind gross, dass Sie hier allein sein werden, mehr oder weniger, wie ich an diesem 10. März 2015. Damals hatte es genau noch einen anderen Gast, der aber nur am Morgen unterwegs war. So sind alle Virus-Massnahmen automatisch erfüllt; der Abstand zu allen anderen Menschen dieses holden Planeten dürfte stets mehrere hundert Meter betragen.

Was macht Jeizinen zum Gebiet, das in der Serie „Vintage-Skifahren“ erwähnt wird? – Alles!

Es geht schon unten im Walliser Talboden los. Eine alte, knarrende Seilbahn fährt von Gampel (das man mit dem Postauto ab Visp erreicht) nach Jeizinen. Die Habegger-Zehnergondel aus dem Jahre 1962 macht immerhin knapp 1000 Höhenmeter (von 634 auf 1525 Meter über Meer). Herrscht unten schon Frühling, liegt oben noch Schnee.

Nun gilt es, zunächst einen (für Skischuhe) doch recht langen und teils rutschigen Weg unter die Füsse durchs Dorf zu nehmen. Von der typischen Frühe-Sixties-Bergstation der Gondelbahn spaziert man durchs Dorf zu einer etwas breiteren, geteerten Verbindungsstrasse (über die man schlussendlich nach vielen Kehren nach Albinen und auch Leukerbad gelangen könnte).

Ich will aber nur zur Sesselbahn, die nota bene keine einzige direkte Piste erschliesst, sondern nur die Lücke zwischen Jeizinen und dem Skilift füllt.

Immerhin kann man hier je nach Schneeverhältnissen (und Gleichgewicht) auch die Ski anschnallen.

Enter Walter Städeli!

Willkommen im WSO-Paradies. (Für Nicht-Ferrophile: „WSO“ steht für „Walter Städeli Oetwil am See“ – einen der führenden Skiliftbauer der 1960er- und 1970er-Jahre, dessen bewegte Geschichte wir u.a hier abgehandelt haben). Allein schon die langsame Sesselbahn (Jahrgang 1978) mit den blauen Kunststofflättli, früher Goldstandard des Pisten-Komforts, ist den Besuch hier oben fernab jeglicher Zivilisation wert.

Solche Anlagen gab es in den Siebzigern massenhaft in der Schweiz – damals konnte man sich gar nicht vorstellen, wie entschleunigend sie uns im Zeitalter der kuppelbaren 6er-Sesselbahnen mit Haube sie und dereinst vorkommen würden.

Nach einer gemütlichen Fahrt durch einen himmlisch duftenden Lärchen- und Tannenwald…

… befindet man sich in „Uflängen“. Hier beginnt das eigentliche Skigebiet, das aus sagenaften… aus einem sagenhaften Skilift besteht. (Was nicht ganz stimmt. Es gibt noch einen rund 300m langen Übungstellerlift und einen Ponylift. Doch dazu später.)

Die Städeli-Anlage auf die Feselalp ist das Arbeitspferd hier oben. Sie fährt auf 1429 Metern Länge von 1800m auf 2200m hoch und hat unterwegs zwei „Bananenkurven“; die Ablenkung wird also durch schräg gestellte Rollen erreicht.

Dasselbe finden wir bei praktisch baugleichen Anlagen – alle ebenfalls mit T-Gitterstützen – in Scuol (Champatsch) und Rothwald (im Januar besucht). Die Ablenkung ist hier aber etwas heftiger, und 14er-Rollenbatterien findet man auch nicht alle Tage.

Ganz cool ist aber, dass es hier ein paar letzte Mohikaner hat, letzte Überlebende ihrer Spezies quasi: Gehänge des Typs SL-9H!

„H“ steht bei diesen wunderschön charakteristisch röhrenden Oetwiler Skiliftbügeln für „Hydro“; WSO brachte diese in den frühen 1970ern auf den Markt. (Auch deren Nachfolger SL-HX, etwas feiner und leiser, finden wir an diesem Skilift.) Das Geheimnis des sanften Anfahrens zu Beginn des Liftes kann man auf verschiedene Arten lösen – ab den Siebzigern war es meist keine Federbremse mehr, sondern eben die kleine Hydraulikpumpe in diesem hervorstehenden runden Teil…

…. die dafür sorgt, dass man bereits während des Ausziehens des Bügelseils langsam anfährt und nicht (wie bei alten, schlecht eingestellten Schleppgehängen oder bei vielen Poma-Liften üblich) mit einem halsbrecherischen Ruck davonkatapultiert wird.

Die SL-9H sind für mich wichtige skilifttechnische Kindheitserinnerungen, zumal diese in meinem Homebase Sedrun zuerst am Skilift Tegia Gronda und – vereinzelt – auch am Skilift Planatsch zum Einsatz kamen. Deren Ton faszinierte mich schon damals. Natürlich habe ich mir einen aus dieser Serie für den Berner Garten gesichert:

Kenner der Materie sehen auch sofort, dass ich hier auf dem Skilift Planatsch anno 1978 mit meinem Vater nicht auf einem SL-7-Bügel (links oben im Bild, aus den frühen 1960ern), sondern eben auf einem brandneuen SL-9H reite (und zwar einem mit einem noch ungerichteten, symmetrischen schwarzen Knubbel) – wohl mein erster Kontakt im Leben mit so einem Hydrogehänge:

Bilder von SL-9H-Prototypen (noch mit Holzsitz!) haben ein paar Seilbahnkumpels und ich aus dem WSO-Archiv im Zürcher Oberland gerettet:

So achtete ich natürlich auch an diesem Tag, stets einen SL-9H und keinen SL-HX zur Bergfahrt zu nehmen. Mögen diese kultigen Freunde hier noch lange rauf und runter rattern und röhren!

Auf der Strecke dieses Liftes aus dem Jahre 1975 erwarten einen nebst der sensationellen Kurve auch coole Schilder und knorrige Lärchen…

… und zuoberst auf der Feselalp tief verschneite Hütten. Und eben, der Gipfel des Niwen, der uns Anfang Januar 2004 einen Freund nahm. Es ist – gerade auch, da kein anderer Mensch in der Nähe weilt – ein schöner Ort, um kurz inne zu halten. Was im Wochenbericht des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts von damals so abgeklärt tönt, wie Berichte über Lawinenopfer halt tönen, erschütterte viele von uns nachhaltig. Was wäre aus ihm geworden, wenn…?

Was bis heute nachhallt: Ich selbst meide seither fast jegliche off-piste-Aktivität.

Die beiden Pistenvarianten dieses Liftes lassen keine Wünsche übrig – auch wenn die Frühlingssonne den Sulz rasch auftauen liess… wenn man praktisch der einzige Gast ist, kann man auch am Nachmittag noch haufenfrei herumcruisen:

Unten begegnet man dann auch der dritten Städeli-Anlage, einem kurzen Tellerlift (erbaut 1974), der in der Hochsaison das Übungsgelände erschliesst. Leider war dieser Lift quasi schon zusammengeräumt.

Sinnigerweise war übrigens – völlig zufällig – zwei Tage vor mir Kollege Jan Salvisberg auch in diesem Gebiet zu Gast und hat ebenfalls fleissig fotografiert und gefilmt. Dass Jan dereinst einer der führenden Köpfe des Schweizer Seilbahnmuseums werden würde, hätten wir vor fünf Jahren wohl nicht gedacht.

Kulinarisch… na ja. Die Rösti war fein, da gibt es nichts auszusetzen. Ich war damals sowieso schon dankbar, dass man den Lift und den Herd überhaupt extra laufen liess. Die Mittagspause war mit dem Liftmann abgesprochen – ich durfte wählen, wann die Anlage eine halbe Stunde dicht macht. Wir gingen dann alle essen. Die Gespräche zwischen dem Jeiziner Morgenskifahrer, dem Liftmann und der Bedienung waren schwierig zu verfolgen. Hardcore-Walliserdeutsch. Trächu Hittu halt.

Gegen Mitte Nachmittag machten sich die ersten Vorboten einer rasant herannahenden Störung bemerkbar…

… was mich die nun auch allzu weich gewordenen Pisten verlassen liess.

Ich – inzwischen Mutterseelenallein – meldete mich beim Liftmann ab, auf dass er den Lift dicht machen konnte, und nahm die „Talabfahrt“ unter die Latten. Dass die Sesselbahn nämlich keine direkte eigene Piste hat, stimmt so nur teilweise. Über eine Fahrstrasse – vulgo Ziehweg, bei diesem Bremspflotsch sowieso – gelangt man via zahllose Kehren (und Einblicken ins untere Lötschental) zurück nach Jeizinen.

Mit mehr Schnee könnte man sogar noch näher zu Gondel- und Sesselbahn fahren. Der kurze Fussmarsch war aber nicht weiter schlimm.

Achtung: Je nach Verbindung wartet man sich im nicht immens beschaulichen Gampel dumm und dämlich bis zum nächsten Poschi. Unbedingt Fahrplan konsultieren.

Fazit: Zum 100%-Privatskigebiet hat’s nicht ganz gereicht, but it was as close as it gets. Schön alte Seilbahn, drei verschiedene Städeli-Lifttypen, alte Hydrogehänge. Was will man als Vintage-Skifahrer mehr? Alle Bilder in dieser Galerie.

Das Video vom März 2015:

 

Die bisherigen Teile dieser Serie

Eggiwil / Marbach und Bumbach / Les Breuleux und Tramelan / Nachtskifahren Linden / Selital (Gantrisch) / Hohe Winde / Grandval / Engstligenalp / Langenbruck / Prés-d’Orvin / Faltschen / Aeschiallmend / Gantrisch-Gurnigel / Les Bugnenets-Savagnières / La Corbatière / Rüschegg-Eywald / Dent de Vaulion / L’Audibergue (F) / Gréolières-les-neiges (F) / La Berra / Habkern / Heiligkreuz / Vallée de Joux / Elsigenalp / Eriz / Eischoll-Unterbäch / Le Pâquier Crêt du Puy / Chuderhüsi und Linden / Grenchenberg / Ottenleuebad / Homberg / Lauchernalp / Rastello-Turra (Piemont) / Col de Rousset (Drôme, Frankreich) / Mont Gibloux (Fribourg) / Heimenschwand / Ste-Croix Les Rasses / Blumenstein / Fischenthal / Schwanden-Sigriswil / Rothwald / Gspon

Nach Regionen

Aus Bern innert einer Stunde zu erreichen: Eggiwil / Marbach und Bumbach / Les Breuleux und Tramelan / Nachtskifahren Linden / Selital (Gantrisch) / Engstligenalp / Prés-d’Orvin / Faltschen / Aeschiallmend / Gantrisch-Gurnigel / Les Bugnenets-Savagnières / Rüschegg-Eywald / La Berra / Heiligkreuz / Elsigenalp / Eriz / Chuderhüsi und Linden / Ottenleuebad / Homberg / Mont Gibloux (Fribourg) / Heimenschwand / Blumenstein / Schwanden-Sigriswil

Wallis: Eischoll-Unterbäch / Lauchernalp / Rothwald / Gspon

Westschweiz und Jura:  Les Breuleux und Tramelan / Grandval / Langenbruck / Prés-d’Orvin / Les Bugnenets-Savagnières / La Corbatière / Dent de Vaulion / La Berra / Vallée de Joux / Le Pâquier Crêt du Puy / Grenchenberg / Mont Gibloux (Fribourg) / Ste-Croix Les Rasses

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