2.03.2016

Urnengänge und Social Media: Ärger über vollgemüllte Timelines

TLDR: Ich halte die Mobilisierung über Social Media im Vorfeld von Urnengängen für völlig aus den Fugen geraten. Viele politisierte Menschen mögen es zwar gut meinen, wenn sie täglich mehrmals das Gleiche in leicht anderen Worten posten, richten aber durch die spam-artige Verbreitung ihrer Botschaft mehr Schaden als Nutzen an. So lange es dazu keine repräsentativen empirischen Studien gibt, plädiere ich für eine Zurückhaltung beim Überfluten der Timelines mit zig Aufrufen.

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Sind Sie auch oft auf Social Media unterwegs, bewegen sich aktiv im Netz, interessieren sich für Politik? Haben Sie die unablässigen Aufforderungen in Ihren Social-Media-Timelines, abstimmen zu gehen oder bestimmte Vorlagen abzulehnen oder anzunehmen, nicht auch immens genervt?

Zur meiner persönlichen Ausgangslage: Ich habe seit 1990 keine Abstimmung und keine Wahl verpasst, ich fülle die Abstimmungsunterlagen meist am selben Tag aus, wie ich sie bekomme, da ich mir längst eine Meinung gemacht habe. Politisiert wurde ich von Jürg Frischknechts „Unheimlichen Patrioten“, dem Fichenskandal und der ersten GSoA-Abstimmung.

Und auch wenn ich – inzwischen als Einzelunternehmer vielleicht noch etwas mehr als früher – sehr extreme Positionen je länger je mehr ablehne, wäscht mir spätestens meine Partnerin als Gewerkschafterin die Kappe, wenn ich allzu fest zur Mitte tendiere. Bref: Für mich ist zu 110% klar, dass man als normal denkender Mensch eine DSI nur ablehnen kann, dass eine fünfte Gotthardröhre kompletter Unsinn ist undsoweiter.

Natürlich höre ich am Stammtisch im Sedruner Heimatskigebiet das pure Gegenteil davon, in flammenden Reden mit Fäusten auf dem Tisch, und fahre nachher mit den Urhebern der Tiraden den Skilift rauf. Da wird mir allerdings nur noch klarer, dass es bei solchen Vorlagen relativ klar ist, wer wie abstimmen wird; dass ich deren Meinung sicher nicht ändern werde.

Und dass ich in meiner Timeline mit überflutungsartigen #DSInein-Tweets oder SCHON-NEIN-GESTIMMT?-Posts auf dem Fratzenbuch sowieso nichts ausrichten kann. Ausser den Freundeskreis und die Follower zu nerven mit all diesen wohl gut gemeinten, aber wenig durchdachten Posts – denn 95% denken ohnehin gleich wie ich, und „die andere Seite“ werde ich auch mit dem 6238. Post garantiert nicht überzeugen.

Mich und viele andere muss man weder aktivieren noch mobilisieren – wir wissen, was wir zu tun haben.

Danke auch nochmals für das sinnlose Zumüllen meiner Timelines die letzten Wochen. Social Media waren beinahe unbrauchbar, da vollkommen durchtränkt von den immer gleichen politischen Botschaften.

Die einzigen Folgen der DSI-, Gotthard- und sonstigen Nachrichten waren bei mir:

  1. Ich habe mir überlegt, auf einen Twitter-Client zu wechseln, der Hashtag-Muting erlaubt.
  2. Ich habe etliche Personen, deren Posts mich an sich sonst interessieren, gemutet oder entfolgt.
  3. Ich bekam ob dem Overflow bestenfalls wütende Wallungen und überlegte mir, das nächste Mal aus Protest gegen diese sinnlose Über-Posterei ein Video zu posten, wie ich meine Wahl- oder Stimmzettel im Garten verbrenne.

Dabei wäre es einfach: Über Dinge, über die schon 1000 andere Twittern, halte ich meist den Mund (Ausnahmen bestätigen die Regel). Was bringt es genau, der 2358. in der Timeline zu sein, der in leicht veränderten Worten den Trend Nummer 76264 abhandelt oder der 187634762. zu sein, der sich zu wiederholten Male öffentlich über die SVP aufregt?

Diese Zwangsbeglückung mit Selbstverständlichkeiten nervt je länger je mehr.

Anderes abschreckendes Beispiel: Die Telefonkampagne der SP vor den eidgenössischen Wahlen 2015. – „Schon mal was von Mobilisierung gehört?!“ entgegnete eine meiner ältesten Berner Freundinnen und heutige SP-Grossrätin empört, als ich meinen Unmut über diese imho dümmliche Wahlkampfart vertwitterte. Mit Verlaub, aber mir persönlich können all diese Formen der „Mobilisierung“ und „Aktivierung“ gestohlen bleiben – sie führen eher dazu, dass ich eine andere Partei wähle, zum Beispiel eine aus dem linken Spektrum, die mich nicht vollspammt und bevormundend anruft. Genau so gut kann die SP gerne einem Fisch sagen, er solle schwimmen.*

Ein anderer Berner Sozialdemokrat legte mir kürzlich ans Herz, Personen oder Hashtags einfach bis nach der Abstimmung zu muten.

Einspruch! Das sind alles Argumentationslinien, wie wir sie seit den später 1990-ern von Spammern hören: „Wenn du Ruhe vor uns willst, musst DU aktiv werden, und sowieso, tu doch nicht so, das ist doch nicht so schlimm.“ Und zwischen den Zeilen: „Es ist gut für dich, wenn du es lange genug aushälst, merkst du es schon.“

Adrienne Fichter, Politologin und „Head of Social Media“ bei der NZZ, entgegnete nach einem Tweet, in dem ich die übertriebene Posterei kritisierte: „Aber Sie haben dich aktiviert, letzten Endes. Darum geht es.“

NEIN – eben nicht!

Sie haben mich nicht aktiviert, da ich seit meiner Kindheit politisch aktiviert bin.

Wie Tausende andere, deren Timelines vor Abstimmungen und Wahlen verstopft werden und die das langsam angurkt (ich hatte in den letzten Wochen anstelle dieses biologisch abbaubaren Wortes diverse Four-Letter-Words zuvorderst, konnte mich aber noch knapp zurückhalten, zu posten, dass sich all diese MobilisiererInnen ihre Aktivierungen sonstwo… eben).

Bevormundung, Überheblichkeit, Übertreibung, Sich-nicht-mehr-Spüren – das sind die Stichworte, die mir dazu in den Sinn kommen. Wenn das die Zukunft des politischen Dialoges ist, dann bitte ohne mich – das habt ihr wirklich sauber hinbekommen, aus einem Homo Politicus einen in Bälde Politikverdrossenen zu machen, dem das ganze langsam zu blöd, zu infantil wird.

Nun kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Gewinn einer Abstimmung etwas ganz anderes ist als der Verkauf von Medikamenten oder die Mitteilung inexistenter Lottogewinne. Und dass unsereiner diese „Aktivierungen“ auszuhalten hat.

Von mir kommt dazu ein klares Nein.

Ich halte die Annahme für naiv, zu glauben, dass es Sinnvoll oder gar Nützlich ist, die Timelines seiner Follower mit täglich, wenn nicht teils stündlich platzierten eintönigen Erinnerungen vollzumüllen. Das ist ein klassisches „Preaching to the choir“ – verpuffter, sinnloser Aufwand, der mehr Schaden anrichtet als nützt. Aber der Viagra-Spammer würde auch sagen: „Wenn von 30 Millionen Mails auch nur zwei reagieren, hat es sich schon gelohnt!“

So schockieren mich auch Aussagen des Campaigners Daniel Graf, die kürzlich im „Tagi“ und „Bund“ zu lesen waren: „Per E-Mail kann man die Leute bitten, einen bestimmten Artikel auf Facebook zu teilen. Das führt dazu, dass viele Leute gleichzeitig auf Facebook aktiv werden. Das löst einen Effekt aus.“

Noch mehr Politiklärm und die ewig gleichen geteilten Inhalte auf sozialen Medien? Nein, danke!

Genau solche „ungschpürigen“ Übertreibungen führen mitunter dazu, dass ich im Vorfeld der Wahlen SMS von Privatpersonen bekommen habe, die eine Partei getriggert hat – vermutlich mit Aussagen wie „Mobilisiert euren Freundeskreis, schickt ihnen SMS mit diesem vorgefertigten Text, einfach kopieren und einfügen…“ – Widerlichst!

Solche Aktionen wirken bestensfalls Freundeskreisverkleinernd.

Ich weiss ja auch, dass zu wenig Menschen an die Urne gehen. Aber die Energie der 10’000 Tweets würde man gescheiter auf der Strasse gezielter einsetzen, oder indem man für bewundernswerte Aktionen wie Peter Studers „Dringenden Aufruf“ oder die Operation Libero spendet. Allenfalls, in dem man eindrückliche Backgroundgeschichten postet (wie z.B. den Text der NZZ-Praktikantin mit afghanischen Wurzeln).

Aber „Schon gewählt?“, „GEH ABSTIMMEN!“, „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, #dsinein zu stimmen“ im Zweistundentakt in den Cyberspace zu proleten, ist nichts anderes als billiger, nerviger Slacktivism – genau so übel wie politische Propaganda in Briefkästen mit STOPP-Kleber zu werfen. (Ich höre schon wieder die heuchlerischen Kommentare von Werbung an sich vehement abgeneigter Politiker, die beim eigenen Thema gerne noch so viele Ausnahmen von der Werbesperre machen.)

Auswege? – Es ist halt anstrengend, aber zumindest Facebook erlaubt es, Freundeslisten zu machen. Ich würde mir als Politaktivist die Mühe machen, solche Listen zu erstellen und Menschen, von denen ich weiss, dass sie genug politisiert sind, von meinen inflationären Posts verschonen.

Und ich bitte all die Berufszwitscherer, bei den nächsten Urnengängen um Zurückhaltung, möge sie das Thema noch so emotional beschäftigen, mögen sie es für die Schweiz noch so katastrophal halten, wenn die Abstimmung nicht in ihrem Sinne ausgehen sollte.

Anyway: Ich möchte zum Thema „Mobilisierung via Social Media“ gerne konkrete Zahlen sehen. Keine „persönlichen Einschätzungen“ (wie hier von mir), sondern repräsentative Umfragen. Ich bin gerne bereit, meine Meinung zu revidieren – und bin gespannt auf handfeste Beweise.

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* (Sideline: Abgesehen davon ist diese Datensammlung der SP ein Fall für den EDÖB – mir sind viele Menschen persönlich bekannt, die sich niemals selbst auf eine Mailingliste oder ähnliches haben setzen lassen und die schon weissnichtwas unternommen haben, um von diversen Verteilern zu kommen – erfolglos. Ich habe einige Jahre lang Simonetta Sommarugas Website betreut, hoste verschiedene Auftritte von Berner SP-Sektionen, -PolitikerInnen und diverser Grüner ExponentInnen, mache immer wieder Websites für linke PolitikerInnen – aber ich habe nie ein Einverständnis dazu gegeben, dass man mich mit Newslettern, Post oder gar Anrufen eindeckt. Dabei müsste jedem halbwegs intelligenten Menschen klar sein, dass ich zu 99% SP wähle und auch in ihrem Sinne abstimme. Meine Daten wurden auch nach den Wahlen 2011 – als ich öffentlich meinen Unmut über diese Praxis kundtat – nur teilweise gelöscht; aufgrund der Nachrichtenstruktur vermute ich inzwischen voneinander unabhängige Verteiler. Offizielle Kanäle für ein Opt-Out existieren nicht; in Mailnewslettern fehlt der gesetzlich vorgeschriebene Abmeldelink.)

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