Letzte Woche feierte mein Nokia 6233 seinen vierten Geburtstag.
Das gute alte Gerät steht wie ein Monument für Altbewährtes, das es so heute nicht mehr gibt.
Was jammerschade ist.
Und nervt.
Das beginnt so: Bei Sunrise kann man online kein Abo mehr lösen, ohne dass die einem gleich ein Handy nachwerfen wollen (und natürlich mehr Monatsgebühren einziehen). Das “SIM-only”-Abo muss man extra am Telefon bestellen, wenn man sein Mobiltelefon behalten will.
Der antike Knochen wird immer wertvoller – denn einen valablen Ersatz mit der einfachen Series40-Software hat Nokia bisher nicht bereitstellen können. Alles, was ich will, ist ein Nokia-Monoblockhandy mit UMTS, auf dem Opera Mini läuft und dass ich via Bluetooth als Notebookmodem nutzen kann. Ich brauche kein Navi und keinen weiteren Schnickschnack, der bloss die Software verkompliziert.
Heute gibts null gleichwertige Alternativen: Das 6700 hat eine unsägliche Tastatur und eine zu grosse Menuschrift, das 6720 ist und das C5 wird mit der unsäglichen Series60-Weichware ausgestattet, das 6730… öhm… “Der Flashplayer ist abgestürzt. Problem an Adobe senden?” – Himmelherrgott, wieso muss man eine Handyübersicht mit Flash machen?!
So habe ich mir beinahe panisch auf Ricardo ein Occasion-6233 gekauft – für mehr Geld als ein neues aktuelles Handy gekostet hätte. Sollte mein Gerät den Geist aufgeben, habe ich zumindest für einige Jahre Ersatz. Phuuh. *Stirnabwisch*
Das iPhone? Faszinierend, schön. Würde ich sofort kaufen, wenn es kleiner wäre und einen auswechselbaren Akku hätte. Wie stellt sich Apple das genau vor: Man ist als Freelancer auf eine gute Erreichbarkeit angewiesen, auf der Wanderung ist der Akku leer, Strom gibts erst in 2 Tagen wieder – hä?
Nicht nur die arrogante Reaktion des Konzerns im Zuge der Antennenproblematik zeigt: Apple ist das klassische Beispiel einer Firma, deren Image von “cool” auf “uncool” gewechselt hat. Früher war Gates’ Welt doof, heute ist Jobs’ Zeugs genau so Mainstream, sprich nicht ganz koscher.
Ist man plötzlich wieder cool, wenn man gern bastelt (zum Beispiel um das Autostartmenu zu tunen) und drum Windows benützt? – Zugegeben, die ganz Coolen sind eh Linux-User.
Aber wenn ichs mir recht überlege: Andere Smartphones? Ach, Hans was Heiri – ich kann mit diesen Touchscreens ohnehin wenig anfangen. Als Vielschreiber mit Dutzenden SMS täglich habe ich mich ans T9-System gewöhnt und bin damit viel schneller als auf diesen dummen Bildschirmtastaturen, bei denen man sich ständig vertippt und wo die Haptik nahe am Nullpunkt angesiedelt ist.
So läufts fast überall. Wer mit dem Bewährten zufrieden ist, wird von einem völlig überflüssigen Rasant-”Fortschritt” überrumpelt. Alles muss immer innert weniger Wochen neu sein. Mal etwas flicken? Nee, lieber wegwerfen und ersetzen. Da fühlt man sich als gerne-mal-Bastler wie Tom Hanks auf der Südsee-Insel. “Wiiilsoooooonnn!”
Dabei ist “neu” meistens “schlechter”.
Klar, die Smartphones mögen für viele eine willkommene Ergänzung sein. Das iPad ist zweifellos ein nettes Spielzeug, aber ich lese lieber auf Papier, surfe oft auf Seiten mit Flash – und wenn ich was schreiben will, möchte ich Tasten spüren und keine Geräte anschliessen müssen.
Ein neues Notebook wäre auch fällig. Aber die gibts nur noch mit Windows 7 – und aus genau diesem Grund warte ich, solange es nur geht. Downgradeoption? Pustekuchen! Nur schon auf meinem VAIO Windows XP zu installieren vor zwei Jahren war eine Tortur von manuellen Eingriffen und verworrenen Downloads.
(Sony schafft es nebenbei gesagt immer noch nicht, in die teuren, leichten Edelteils der Z-Serie Monitore einzubauen, die keine weissen Flecken bekommen. Etwas dicker, aber dafür fleckenfrei, wäre uns lieber! Und unterdessen sind bei diesem Typ auch keine vernünftigen Monitorauflösungen wie 1366×768 erhältlich.)
Ja, Win7 mag schneller starten, aber auch hier nervt die UAC, auch hier muss ich mich im Vergleich zu den Windowsjahrzehnten davor zunächst mal neu orientieren, da vieles anders aussieht; der “Design”-Schnickschnack mit diesen grässlichen Durchschimmerungseffekten nervt tierisch, das Startmenu ist ärgerlich, die Kantenglättung grauenhaft – und eine Rücksetzung auf den guten alten Windows-2000-Look (was ich bei jedem neuen Rechner zuerst mache) ist nur noch bedingt möglich.
Nur: Der ganze neue Scheiss wird einem von den Herstellern geradezu aufgezwungen. Ich habe meinen Heimrechner, den ich vor allem für Digitalisierungen und Videoschnitt benütze, kürzlich aufrüsten wollen. Der Händler ist auf der Suche nach XP-Treibern für die aktuelle Hardware fast verzweifelt. Da dachte ich: Naja, mein Rechner von 2002 war zwar vergleichsweise langsam, aber eigentlich hätte ich auch gut und gerne den behalten können.
Das kanns doch nicht sein.
Klar, nun rufen alle “Sicherheit! Sicherheit!” – Von mir aus. Aber dann sollte jedes Betriebssystem und jedes Programm eine Möglichkeit beinhalten, es gefühlsmässig auf jenen angehemen Stand zurückzusetzen, den man sich gewöhnt ist.
Ich möchte mir die im Schlaf beherrschten Arbeitsschritte nicht durch Hersteller umdiktieren lassen. Schliesslich kommt auch nicht plötzlich unser Hausbesitzer und streicht die Wäde rot oder stellt die Küche komplett um, weil “das jetzt einfach so neu und in” ist. Er kann aber – das ist willkommen – im Keller eine neue Heizung einbauen und das Haus besser isolieren. Da ändert sich aber mein Feeling in der Wohnung nicht dabei – das ist der Punkt.
Office 2007 und 2010? Pah – Finger weg!
Da es Winzigweich versäumt hat, einen “Konservativmodus” einzuführen, der die bewährten Menus (Datei, Bearbeiten…) wieder zum Vorschein bringt, interessieren mich diese Programme nicht. Diese Ribbons sind doch Teufelszeug. Das kostenlose Open Office öffnet mir immerhin die unsäglichen .docx- und .xlsx-Dateien mit ein paar Formatierungsverlusten, wenn Kunden meinen, mir ohne Rückfrage die neuen Formate senden zu müssen.
Ich arbeite seit 13 Jahren mit Office 97 und brauche schlicht nichts anderes. Sicherheitsprobleme gibts kaum, da das Internet damals noch kaum verbreitet war. Und eben – wenn nötig, gibts eine Gratisalternative.
Digital-Fernsehen? Nein danke – bestenfalls ab einer eigenen Sat-Schüssel, aber sicher nicht über irgendwelche Kabel-Anbieter, die mich mit irren Schranken nerven. Analog-TV kann ich problemlos aufnehmen und wiedergeben, wann ich will. Das ist mir mehr wert als alles andere.
LCD- und LED-Fernseher? Sorry, aber ausser Plasmas hat mich noch kein Gerät überzeugt (selbst das allerneuste superdünne Samsung-3D-LED-Riesenviech nicht). Jede Trinitronröhre hat die schnellere Reaktionszeit, den besseren Betrachtungswinkel und das natürlichere Bild. Was nützt mir ein fesches Möbel, wenn die Bildqualität nicht stimmt?
Navigationsgeräte? – Wozu gibts eigentlich Landkarten? Die brauchen erst noch keinen Strom. Manchmal halte ich mich für den einzigen, der noch fähig ist, eine 1:25 000-Karte zu deuten.
Liebe Industrie: Ich bin beleibe kein Totalverweigerer. Ich liebe Gadgets. Ich würde sehr ungerne ohne Handy und Internet leben – vieles hat das Leben praktischer gemacht. Ich gucke gerne mal einen Film in HD mit geilem Ton. Ich spiele liebend gerne mit Smartphones, Navis und iWeissnichtwas rum.
Aber es gibt auch einen Alltag, wo man einfach wie bisher effizient und schnell mit Handy und Compi arbeiten will!
Ich wette, dass die Masse der Menschen zunehmen wird, die sich all den unnützen Umstellungen und Zwangsumgewöhnungen widersetzen werden und die Hersteller dazu zwingen, wieder zum Altbewährten zurückzukehren.
Das heisst: Die früheren Benutzerführungen wieder einführen. Handys machen, die – ausgerüstet mit der neusten Technik – genau so gute Tastaturen wie vor Jahren haben. Fernseher herstellen, auf denen der Ball bei einem schnellen Pass nicht wie ein Strich aussieht. Eine Mediendistribution einführen, bei der die Konsumenten und nicht die Anbieter im Vorteil sind.
Das System, mit dem ich hier gerade arbeite – die Blogsoftware Wordpress – ist ein klassisches Beispiel dafür, wie man es besser machen kann. Klar ändert dann und wann der Standort einiger Buttons. Aber ich schreibe hier grosso modo genau so wie vor fünf Jahren. Unter der Motorhaube hat sich aber einiges getan: Updates des Cores und der Plugins gehen nun vollautomatisch – vorbei sind die guten alten download-entzipp-ftp-upload-run-install-Zeiten.
Die Bedienung, das Look and Feel, ist weitgehend gleich geblieben. So muss das sein.
Kürzlich wollte ich meinen Hosting-Kundinnen und -Kunden ein neues Webmail schmackhaft machen – widerwillig, aber (Sie ahnen es) das alte hat bald mal “end of life”.
Natürlich ist das neue Dings voller Schnickschnack, benötigt eine Zusatzregistrierung jeder einzelnen Adresse und braucht etwa viermal so lang zum laden. Die Reaktionen reichten denn auch von “überladenes Interface” über “langsam” bis “viel zu viele Funktionen und drum unübersichtlich”.
Diese Kundin – eine nicht ganz unbekannte Berner Künstlerin, alles andere als unaufgeschlossen – sprach mir und vielen anderen aus der Seele: “Bitte bitte nichts Neues, sonst dauerts wieder ein Jahr zum Umgewöhnen – ich hab mich ja noch kaum als Alte gewöhnt!”
Find’ ich gut. (3 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)